Denn er hat seinen Engeln
befohlen über dir,
dass sie dich behüten
auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuss nicht an einen Stein stossest. Psalm 91, 11-12

Die Glocken der Leppiner Kirche läuten heute außerplanmäßig. Die Pilger laufen ein und werden schon am Ortseingang vom Geläut willkommen geheißen. Sonst stehen hier viele Menschen für den Empfang bereit, dieses Jahr hält nur das Küsterehepaar treu die Stellung. Wegen der Corona-Pandemie haben die Organisatoren des Pilgerwegs Katrin Fulda-Martens und Thomas Schaer vom Verein mannaz Dasein erleben auf ein großes Willkommen verzichtet.

Wie es auf so einem Weg mit vielen Menschen eben ist: der Aufbruch hatte sich hinausgezögert, deswegen mussten die Küsterleute heute warten und machen das gerne. Die Pilgergruppe bringt jedes Jahr Leben in die Kirche, wenn sie sich auf ihren Weg durch die Mecklenburgische Seenplatte aufmacht. Der Geh-Danken-Weg beginnt und endet in der Leppiner Kirche, denn zum Pilgern gehört die Begegnung mit Gott, den jeder und jede auf seine Weise auf diesem Weg erfahren kann.

Von wesentlichen Fragen an das Leben und acht Haltungen, die Antwort geben wollen

An diesem letzten Pilgermorgen sitzen die Pilger beieinander, halten Rückschau auf den Weg und rüsten sich für den vorletzten Tag, den „Tag der Verantwortung“. Sieben Tage sind sie die Haltungen des „Kompass der Heilung“ durchlaufen. Diesen besonderen „Kompass“ hat Diplompsychologe Heiko Kroy entwickelt, als Ergebnis aus seiner nunmehr 30jährigen Arbeit mit Menschen. In acht Haltungen kann der Pilger und die Pilgerin ein persönliches Anliegen auf diesem Weg durchdringen und neue Lösungsmöglichkeiten für sein oder ihr Leben finden. Die Trainer und Coaches stehen den Pilgern dabei zur Seite. Sie haben langjährige Erfahrung in der Pilgerbegleitung oder befinden sich in der Ausbildung.

Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Themen zu diesem „spirituellen Wanderseminar“. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Pilgern in der Gruppe und die Begleitung durch die Berater des Vereins als besonders eindrücklich erleben. Unter den Pilgern sind etliche „Wiederholungstäter“.

Uwe Springer, als Pilger-Coach in Ausbildung auf dem Geh-Danken-Weg unterwegs, fasst zusammen, was ihm besonders gefällt: „Hier kann ich Gemeinschaft suchen und meinen eigenen Weg gehen. Wenn ich Kontakt und Austausch brauche, dann ist jemand für mich da, wenn ich die Ruhe suche, wird das genauso respektiert. Ich kann selbst entscheiden, wieviel Gespräch ich brauche.“ In acht Tagen beschäftigt sich jeder Pilger und jede Pilgerin mit einem persönlichen Thema, dass im Laufe des Weges im Gespräch mit den Begleitern vertieft und von allen Seiten beleuchtet wird.

n der Runde, an diesem sonnigen letzten Morgen beginnt ein intensiver Austausch über den Weg, der hinter der Gruppe liegt und was jeder und jede für diesen Tag, den Tag der Verantwortung noch an Hinweisen braucht. Diese Runde in der Unterkunft im Kulturgut Wrechen dauert immer etwas länger, denn hier beginnen die Pilger und Pilgerinnen ihre Erkenntnisse und Erlebnisse zu bündeln, um auf den letzten Kilometern nach Leppin Entscheidungen zu treffen, wie sie ihr Leben verändern wollen. Es gilt, eigene Antworten zu finden und die Muster der Kindheit hinter sich zu lassen, im Vertrauen darauf, ihr Leben in einem tiefen Sinne selbst in die Hand zu nehmen.

Erfahrungen und Austausch in der Gruppe – ein wesentliches Element

Die morgendlichen Runden auf dem Pilgerweg dienen der persönlichen Klärung, welche Lebensthemen die Pilger an diesem Tag begleiten. „Durch das Laufen in der Natur“, sagt Claudia Burmeister, „kommt viel Bewegung in Körper, Geist und Seele. Mein Körper gibt immer direkt Rückmeldung, an welchem Punkt ich mit meiner persönlichen Auseinandersetzung gerade bin. Auch die Tiere, denen ich begegne, scheinen mir jedes Mal wie ein direkter Hinweis auf das, womit ich mich gerade befasse.“

Mal ist der Weg steinig, voller Unebenheiten, der schwere Lehmboden klebt an den Füßen und das Gestrüpp behindert den Schritt, dann wieder wird er leicht, sandig, sonnig und die Umgebung verschafft den Pilgern ein unbeschwertes Voranschreiten. „So wie das Leben selbst gibt der Weg in seiner Beschaffenheit Antworten auf das, was mich gerade im Gespräch bewegt.“ erzählt Catrin Lippold. „Mich haben sechs Wespen gestochen, auf einen Schlag. Normalerweise hätte ich die Zähne zusammengebissen und wäre weitergelaufen. Ich habe mich dann aber gefragt, wieviel Schmerz ich eigentlich noch brauche, um einmal eine wirklich mutige Entscheidung für mich zu treffen. Ich bin dann mit dem Bus gefahren und es war ganz leicht und ich hatte einen wunderbaren Tag. Es war eine völlig neue Erfahrung, nicht alles durch zu ziehen, sondern mir eine Pause zu gönnen.“

Auf dem Geh-Danken-Weg wächst die Achtsamkeit für das, was die Menschen unmittelbar umgibt und was sie im Moment für sich brauchen. Sie kommen in Kontakt mit ihren unmittelbaren Bedürfnissen, die sie im Alltag gerne hintenanstellen. Brauche ich gerade Hilfe, wenn ich meinen Pilgerwagen nicht allein über die Wurzel heben kann? Wo setze ich vorsichtig meinen Fuß, wenn ich an einem Feldrand entlang gehe, um mich nicht zu verletzen? Warte ich auf die Menschen, die gerade schwer tragen und nicht weiterlaufen können? Wenn sich die Gruppe aufteilt gilt es für die, die nachkommen, Zeichen zu legen, damit alle auf einem gemeinsamen Weg bleiben.

 Es ist alles für uns bereitet…

Wie nebenbei wächst das Vertrauen darin, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat und genau zum passenden Zeitpunkt passiert. Es ist richtig, die Erschöpfung zu spüren, denn dann mache ich die Erfahrung, dass ich um Hilfe bitten kann und mir geholfen wird. Wie wunderbar, Hunger zu spüren und dann zu erleben, dass die Schöpfung für alle da ist, „überall wurden wir mit Obst beschenkt, Äpfel, Birnen, Pflaumen, ich fühlte mich von der Natur umsorgt, wenn es heiß war, fand sich ein See, in dem wir baden und an seinem Ufer ausruhen konnten“ endet Catrin Lippold ihren Bericht. Sie pilgert zum ersten Mal zusammen mit Ihrer Freundin Claudia Koehler auf dem Geh-Danken-Weg.

Claudia Koehler ist Pilger-Begleiterin, schon seit 2016. Damals beendete sie Ihre Ausbildung zum Coach bei Heiko Kroy. Für sie war es diesmal ein leichter Weg, sie sei von sich selbst überrascht gewesen, wie leicht ihr die Begleitung gefallen und wie sehr sie sich vom Druck, den sie in den vergangenen Jahren gespürt habe, befreit fühlte. „Der Kompass der Heilung hat sich für mich als verlässliche und funktionierende Methode und als Werkzeug in der Beratung bewährt. Ich kann auf meine Erfahrungen zurückgreifen, dass Menschen auf dem Geh-Danken-Weg echte Schritte vorankommen und ihr Leben wirklich ändern können.“

Was sie immer wieder auf den Geh-Danken-Weg zieht? „Das ich mich auf das Wesentliche beschränken kann, sei es in der Begleitung oder auch ganz praktisch – mein Rucksack wird Jahr um Jahr kleiner und ich komme mit immer weniger Dingen zurecht. Das zu erleben gibt mir die Gewissheit, dass alles in meinem Leben für mich bereitet ist und ich geführt bin.“

In Leppin ist es Abend geworden. Die Pilger versammeln sich in der Kirche zur Abschlussrunde. Gestärkt durch die eigene Leistung, erschöpft von den letzten Kilometern, mit erleichterten Gesichtern und leuchtenden Augen, erfüllt von den Eindrücken dieser gemeinsamen Reise finden sie noch einmal zusammen. Gott und seine Engel waren mit auf diesem Weg. Sie haben die Menschen gehalten und begleitet und ihnen gut zugesprochen.

Zur Geschichte:

Der „Pilgerweg der Begegnung“ des Vereins mannaz Dasein erleben startete zum 1. Mal 2007. Damals pilgerten zwei Gruppen aus dem Norden und dem Süden für „Heilung und Versöhnung“ entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und fanden sich im Kloster Drübeck wieder zusammen. Durch die persönlichen Kontakte entstand eine Strecke in der hohen Rhön mit Begegnungsabenden, an denen die Pilger sich mit Menschen aus der ehemaligen Grenzregion trafen, um über Erfahrungen mit der innerdeutschen Grenze zu sprechen. Mit dem Umzug des Vereins nach Leppin 2009 entstand die Idee, in der Region zu pilgern. Seit 2011 sind die Pilger einmal im Jahr in der Mecklenburgischen Seenplatte unterwegs.

Der Geh-Danken-Weg führt in einer Runde von Leppin in die Mecklenburgische Seenplatte hinein und wieder zurück. Übernachtet wird in einfachen Unterkünften auf dem Boden mit Iso-Matte und Schlafsack oder, ein wahrer Luxus, wenn eine Herberge Betten bereithält, auch mal in weichen Kissen.

Text: Judith Kroy, Geh-Danken-Weg September 2020