Rückblick Gemeinschaftstreffen – Bleibt zugewandt
Im Heilzentrum beginnt die Sommerpause. Die letzten Mails wollen geschrieben, einige ausstehende Anfragen terminiert werden, die Unterlagen warten auf Sortierung, das Konzert von Max Prosa will vorbereitet werden, … ein bisschen zu tun bleibt doch.
Ein guter Moment, um innezuhalten und auf die erste Jahreshälfte zu blicken. Wir Ihr sicher mitbekommen habt, haben wir das letzte Gemeinschaftstreffen miteinander gefeiert. Es waren schöne Tage. Unser Küchenteam hat die Versorgung gut gemeistert. In unserem Nachmittagsprogramm gab es einiges Neues zu entdecken. Sogar der Guru Bhijn Bhaidir kam auf eine kurze Inspirationsrunde vorbei. Zum Abschluss wurde das Orga-Team mit einem eigens gedichteten Dankeslied besungen. Wie wunderbar, soviel Wertschätzung zu bekommen.
Ein Thema findet sich
Ich sollte, laut unseren Engeln, den Auftakt für das Gemeinschaftstreffen gestalten, da ich wie nun schon seit einigen Jahren, dass Motto „Bleibt zugewandt“ ausgerufen hatte. Für alle, die noch nicht auf einem Treffen waren: Wir beginnen das Treffen traditionellerweise mit einem Einführungsvortrag, den eine Person aus unserem Team halten darf.
Neben dem ersten Schreck über die Größe der Aufgabe, spürte ich auch einen gewissen Stolz auf eine meiner Fähigkeiten: einem Impuls in mir zu folgen, der dann dazu führt, dass ein Thema entsteht und sich zeigt: „Bleibt zugewandt“ war meine spontane Idee. ZuWendung, das wurde im Laufe der Vorbereitung immer deutlicher, ist zentral in diesen Zeiten.
Als Thema passt es zur AnStiftung zur Liebe. Mein eigenes Projekt in unserer Stiftung heißt ZuWendung, in dem wir Angebote gestalten, die heilsame Räume für Familien schaffen. Da die AnStiftung zur Liebe nun das Gemeinschaftstreffen veranstaltet, war das ein guter Anlass, ZuWendung in den Mittelpunkt zu stellen. Gleichzeitig war in mir auch der Gedanke: „Toll, nun übernimmt die Stiftung dieses Treffen und es ist das letzte. Und ich habe es maßgeblich mitentschieden, dass ich so nicht weiter machen will.“
Verantwortung für meine Werte
Dann kamen weitere Gedanken: „was habe ich mir da nur wieder eingehandelt? Ich könnte auch alles wieder heimlich Heiko übergeben. Klar, er macht alles und würde mir sofort helfen. Darüber würde ich mich aber auch wieder ärgern
Denn: ich will auch als Frau hier stehen und für mich stehen und zeigen, dass ich ebenso in der Lage bin, diese Einführung zu gestalten. Ich dachte: ich bin das den Mädchen und Frauen schuldig. Hier stehe ich mit allen meinen Ängsten, habe sie bewusst und stehe hier auf dieser Bühne vor Euch, um den Anfang zu machen. In der Vorbereitung zu meiner Einführung sehe ich ein Video von einem jungen Pariser Balletttänzer, Hugo Marchand. Ich bin viel in den Sozialen Medien unterwegs und freue mich so manches Mal über meine Fundstücke. Hugo Marchand sagt im Fernsehen, dass alle über Krieg, Wirtschaft und Politik reden. Er fügt hinzu, wie sehr er es vermisst, dass niemand mehr über Empathie, Wandel, Teilen und Liebe redet, ja, vor allem die Liebe vermisst er.
Der Satz bleibt in mir und ich schaue mir sein Video immer wieder an. Ich gehe diesem Impuls nach: über die großen Themen lässt sich gut Dampf ablassen, darin haben wir gemeinsame Freund*innen oder Feind*innen, hier können wir unser Wissen beweisen und um unsere Sichtweisen ringen. Wir können uns einig sein und uns verbünden. Hier können wir einmal alles loswerden und dann haben wir einen gemeinsamen Moment hoher Emotionalität verbracht.
Was ist wesentlich?
Auf dem Gemeinschaftstreffen wollte ich dazu einladen, sich auf die leisen, intimen, tiefen Begegnungen einzulassen, in denen es nicht darum geht zu überzeugen, Recht zu haben und sich emotional zu erleichtern. Ich wollte die Menschen auffordern: Spürt in Euch hinein, was eine Begegnung in Euch auslöst. Lasst in Euch die Gedanken und Gefühle zu. Dankt Eurem Gegenüber und teilt Euch mit, teilt etwas über Euch mit. Bittet um eine Hand, einen Moment der Stille miteinander, einen Augenblick der ausgelassenen Fröhlichkeit. Nehmt eine Haltung ein, in der die andere Person sich wahrgenommen, gemeint und gesehen fühlt. Seid zugewandt!
Es meint, dass ich mich für Dich entscheide, Dir zu begegnen, damit wir uns verstehen, uns miteinander verbinden, füreinander fürsorglich sind, aufeinander eingehen und etwas miteinander entdecken, dass über uns hinausgeht.
Wir nehmen uns die Zeit, uns einander zu zuwenden mit Allem, was sich in uns zeigt. Wir bekommen Reaktionen, wir haben die Chance, dass wir etwas über uns lernen, unseren Horizont erweitern und mit neuem Wissen umeinander und neuen Verhalten zueinander in unser Alltagsleben zurückgehen.
Ich war bei meinem Sohn in seiner Studienstadt. Ich war erstaunt und fast etwas befremdet: die Menschen lachen, sie sitzen in Gruppen und sind fröhlich. Sie grüßen sich und bleiben beisammenstehen. Überall kleine Haufen an zugewandten, aneinander interessierten Menschen, die in der Sonne sitzen. Vielleicht liegt es daran, dass es Studierende sind, neugierig auf das Leben, an einem Anfang stehend, neue Kontakte knüpfend.
Sind wir aneinander interessiert?
Noch mehr erstaunt es mich, als ich Menschen treffe, die mich fragen, wer ich bin, was ich so mache. Menschen, die nicht zurückschrecken, wenn ich von unserer Gemeinschaft, dem Kloster und meiner Arbeit erzähle, sondern interessiert nachfragen. Ich stehe in einem Geschäft und eine wildfremde Frau fragt mich nach meinem Leben. Ich bin das gar nicht mehr gewohnt. Ich finde, ich selbst frage Menschen schon nach ihrem Leben. Umgekehrt passiert es mir selten.
Eher erlebe ich, dass Menschen nur noch von sich reden, wenn sie dann mal anfangen zu reden. Sie fragen nicht, sondern schweigen. Als würden sie auf den Moment warten, wo sie ein Stichwort bekommen und dann in aller Breite von sich berichten zu dürfen. Ich bin erstaunt, dass Menschen meinen, sie könnten Andere einfach so zutexten und sich dann abwenden. Fange ich an, von mir zu reden, dann bekomme ich Kommentare, Erklärungen oder einen Spruch und das Gespräch ist schnell vorbei.
Was ist für mich Zuwendung? Warum finde ich es so wichtig, sie in den Blick zu nehmen? Weil wir in dieser Bewegung die Chance haben, uns neu zu erfahren und Menschen mit uns neue Erfahrungen machen können.
Füreinander Dasein, eine Anleitung
Mitgefühl, Geh-Danke von Heiko
„Du siehst mich an – ohne Betroffenheit und ohne Urteil
Dein schlichtes Dasein – das wünsche ich mir,
Wenn ich meine Mitte verliere –
Mehr nicht.“
Das ist für mich der Eintritt in die ZuWendung – mein schlichtes Dasein, ohne Urteil, ohne Impuls, ohne Reaktion – erst einmal bin ich da für Dich. Ich schaffe einen Raum, in dem Du sein kannst und halte mit Dir den Moment aus, wenn es eng wird und Du Deine Mitte verlierst.
Die Zuwendung geht weiter, wenn ich mich traue, Dir meine Hand zu reichen, Dich mit anderen Augen zu sehen, wenn Du Dich gezeigt hast, wenn ich mich traue, zu reagieren und herauszufinden, was Du jetzt brauchst, wenn Du es gerade selbst nicht weißt mir Dir auf die Suche zu gehen, wenn Du es weißt dafür zu sorgen, dass Du von mir bekommst, was Du brauchst.
- Ich stelle mich und meine Bedürfnisse in diesem Moment zurück, aus meiner freien Entscheidung heraus.
- Ich reagiere auf Deine Abweisung mit Rücksicht und bleibe.
- Ich bleibe bei Dir und frage mutig weiter, was ich für Dich tun kann.
- Ich halte Deine Gefühle aus, die kommen und nehme sie nicht gegen mich.
- Ich halte Dich aus, mit allem, was sich in diesem Moment zeigen will.
- Ich bleibe und Du hast die Sicherheit, dass ich bleibe und deswegen kannst Du Dich zeigen.
- Ich gehe nicht weg und bin Dir ein Gegenüber.
- Ich stelle zurück, was ich denke, was gut für Dich ist und habe die Geduld, mir Dir herauszufinden, was jetzt gut für Dich ist, wenn Du dazu bereit bist.
- Ich sorge für Dich, wo Du gerade nicht in der Lage bist, solange bis Du es wieder kannst.
- Ich brauche Dich, wenn ich meine Mitte verliere.
Zuwendung ist eine Haltung, die Heilung und Wandel ermöglicht für beide Seiten. Die mich tief in Kontakt bringt mit mir, wenn ein Mensch mich aushält und hält in der Begegnung. Die gebende Seite lernt, ihre Bedürfnisse, Gefühle, Emotionen zu parken für eine Weile. Die Empfangende Seite erfährt einen Moment des in Achtnehmens, es geht jetzt ganz um mich und alles darf sein, was in mir dazu aufsteigt. Scham, Schuld, Wut, Zweifel, das Gefühl, es nicht verdient zu haben, das Unverständnis, warum ein Mensch das gerade für mich tut, der Zorn, in den mich dieser Moment auch bringen kann, es ist mir so peinlich, dass es jetzt um mich gehen soll.
So sind wir in unserem Kloster täglich, so üben wir in der Gemeinschaft, wenn wir uns treffen. Wir bringen die Haltung der Liebe in unser tägliches Sein.
Heilsame Schritte aus dem eigenen Käfig hinaus
Für Menschen, die oft im Mittelpunkt stehen und sich alles um ihre Bedürfnisse, ihr Wohlsein, ihre Gefühle dreht, für diese Menschen kann es wunderbar hilfreich sein, sich eine Weile in der Zuwendung hin zu anderen auszuprobieren und zu erleben, wie die eigenen Belange an Intensität verlieren und in den Hintergrund treten. Immer wenn es in mir „Ich will den Mangel beheben“ schreit, weil „ich sonst nicht dabei sein kann“, halte ich inne und wende den Blick. Was brauchen die anderen? Wieviel halten sie aus und was stehen sie durch mit mir, die/der ich ständig etwas auszusetzen habe, neue Ideen in die Runde werfe, bestimmen will, wo es langgeht und ständig Aufmerksamkeit brauche?
Mitgefühl ist der Anfang, ein beginnender Daseins-Raum, der die ZuWendung einlädt. Zuwendung ist aktiv und dienend. Ich darf über meinen Schatten springen, nicht, indem ich spontan aus mir heraus handele, sondern mich bewusst und in einem Akt der eigenverantwortlichen Entscheidung einem Menschen, einer Gruppe, einer Aufgabe widme.
Es geht in diesem Moment nicht um mich. Es geht um mich in dem Sinne, dass ich mein ganzes Tun und meine Aufmerksamkeit auf einen Menschen und meinen Dienst richte.
So verstehe ich meine Aufgabe, dass Gemeinschaftstreffen zu verantworten: als Zuwendung hin zu den Menschen, die kommen und als Entscheidung, mich nicht von meinen inneren Einflüsterungen davon abhalten zu lassen. Ginge es nur nach mir, dann würde ich mir das sicher nicht antun. Die Ängste, die Sorgen, die Zweifel, die schlaflosen oder aus Aufregung heraus kurzen Nächte, die Abende am Computer, die Unsicherheit, die bei allem mir guten Zureden doch immer wieder um die Ecke kommt und mich für einen Moment lähmt.
Sich allem zuwenden
Diese Anspannung und Anstrengung über einen langen Zeitraum hinweg. Ich muss mich diesen Gefühlen in mir zuwenden, sie Dasein lassen und wahrnehmen und mich immer wieder dafür entscheiden, dass ich ihnen nicht folge, sondern meinen Dienst tue, damit alle auf diesem Treffen eine möglichst gute Zeit haben und ich mit an diesem heilsamen Raum baue, in dem die Haltung der Liebe erfahrbar wird und Menschen sich begegnen, die aneinander heilen können und mit einer Fülle an Momenten der liebevollen Zuwendung im Gepäck in ihren Alltag zurückkehren können, damit es sich ausbreitet und wir wieder mehr über die Liebe, die Empathie reden und miteinander teilen, was wir zu schenken haben.