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02.09.2012 14:03 Alter: 5 yrs
Kategorie: Pilgerblog

Erster Tag Geh-Danken-Weg


Henning

Der erste Tag unseres Geh Danken Pilgerweges liegt hinter uns. Von Leppin haben uns unsere Füße 27 Kilometer nach Alt Rehse in den Tollense Lebenspark geführt. Den letzte Teil unseres Weges wurden wir mit dem Boot von Klein Nemerow in den Park geführt. Es war ein weiter Weg für meine nicht trainierten Wanderbeine und Füße. Am Abend bin ich sicher, dass ich Beine habe – ich spüre sie deutlich. Wir gehen durch die Acht Haltungen durch den Kompass zu einem Leben in Fülle.

Der erste Tag ist der Tag der Achtsamkeit. Über die Achtsamkeit kommen wir zu tiefen Erkenntnissen über uns, unser Sein und all den Dingen, die uns im Leben geschehen sind. Ich weiß, es gibt einen guten Grund dafür, wie ich das Leben erlebe und wie sich die Dinge in meinem Leben fügen. Ich persönlich bin auf der Suche nach diesen „guten Gründen“. Ich will wissen, warum ich bei bestimmten Themen und Vorhaben in meinem Leben immer wieder das Gefühl habe zu scheitern. Heute habe ich noch genauer verstanden, wieviel in unserem Leben eine Illusion ist. Wir haben uns Masken zugelegt, damit andere Menschen nicht erkennen wie wir wirklich sind und wie es uns wirklich geht. Als Erwachsene funktionieren wir dann in unseren Berufen und sorgen für unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familienangehörigen indem wir uns mit wertvollen Dingen umgeben. Hierzu gehören schöne Häuser, Fernseher, Handys oder Autos. Wenn wir dann unsere Funktionsfähigkeit verlieren, entpuppen sich all diese Werte als Scheinwerte und Illsion. Wenn wir unseren materiellen Reichtum verlieren, erleben wir wie wichtig es gewesen wäre etwas zu arbeiten was unserem Leben einen Sinn gibt und was wir einfach tun wollen weil es uns wichtig ist – denn diesen Sinn kann uns keiner mehr nehmen – er bleibt für immer. Ich habe verstanden, dass ich nicht an meinem Leben und den Umständen scheitere sondern an meinen Masken und Illusionen. Diese Erkenntnisse machen diesen Pilgerweg soo wertvoll und haben dazu beigetragen, dass mein Leben so reich geworden ist in den letzten Jahren. In diesem Jahr begleiten uns auch vier Jugendliche ein Stück. Das ist sehr besonders. Am Abend hatten wir zu zweit noch ein Gespräch über die Seele mit dem Jüngsten dieser vier. Er sagte, dass es schwer zu wissen ist, wie alt unsere Seele ist, und dass Eltern, wenn sie ein Kind bekommen ja gar nicht wissen was sie da für eine Seele bekommen, und dass sie die erstmal kennenlernen müssen.

Ich habe heute viel gelernt.

 

Eine Pilgerin

Ich weiß selber nicht, was ich erlebt habe. Heute lief ich mit einer Pilgerin, mit der ich darüber gesprochen habe, was sie verändern will in ihrem Leben. Sie möchte gerne mit Jugendlichen arbeiten. Mein Vater hat immer zu mir gesagt, wenn du so bleibst wie du bist, dann wird aus dir nichts Vernünftiges. Das ist ein hartes Urteil und ich dachte, ich hätte mich schon so lange damit beschäftigt. Ich bin für meinen Vater gelaufen und dann musste ich auf Toilette und habe gesucht, wo ich hinter einer Garage einen Platz finde. Davor saßen zwei Männer, die uns fragten, was wir denn hier suchen. Beide Männer waren betrunken. Der Ältere erklärte mir, wie wir laufen sollen. Ich dachte nur, sie sind schon am Vormittag betrunken und dann fragten sie weiter und der Ältere meinte, wir haben eine Überraschung für Euch und dann durften wir uns Obst aus dem Garten nehmen und dann hatte er noch eine Überraschung und brachte mir eine Broschüre über die Mecklenburgische Seenplatte. Mein Begleiter fragte mich dann, was diese BegBegnung zu bedeuten hatte. Ich merkte, dieser Mann war wie mein Vater, wenn er betrunken war, denn dann hat er alles verschenkt. Mein Vater musste seine Heimat verlassen und dann in die Fremde gehen, in der er nicht klar kam. Was er zu mir gesagt hat, das hat eigentlich seinen eigenen Zustand beschrieben. Er ist in der Fremde, so wie er war, nicht klar gekommen. Das, was er zum mir gesagt hat, das meinte er eigentlich über sich. Mein Vater hat also wirklich nur über sich gesprochen.

Im Alkohol hat er seinen Gott gesucht, deswegen habe ich so eine Abneigung gegen Alkohol, weil ich dann so erschöpft werde und seltsame Dinge mache. Mein Vater wurde dann so liebenswert und hat alle Menschen geknuscht, ich werde dann eher kritisch und aggressiv, so wie er mir gegenüber war. Wie schaffen es die Menschen, mit Alkohol lustig zu werden? Ich werde dann trotzig, aber meinen größten Blödsinn habe ich mit Alkohol gemacht. Ich fände es schön, dann auch mal so zu entspannen und es auch zu genießen, ich werde erst lustig, dann aggressiv und dann bin ich erschöpft. Immer wenn mein Vater getrunken hat, dann habe ich ihn verachtet und das auch gesagt. Mein Vater hat sich gehen lassen, ich kann das nicht und ich mache ein riesiges Drama, wenn jemand zu viel trinkt. Ich kann nicht mit Leuten arbeiten, die trinken. Da ist meine Grenze. Das Wesen verändert sich und ich kann damit nicht umgehen. Mein Vater hat dann alles immer verschenkt, auch wenn es für uns Kinder war. Das habe ich nicht verstehen können.

Es gibt eine Zeit in meinem Leben, an die kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Da gingen wir in die Fremde und ich kam nicht klar, wir zogen in eine Gegend, die war brutal und hart und ich musste lernen, mich zu verteidigen. Ich bin aus meinem kindlichen Paradies herausgeworfen worden und da war nichts mehr so, wie es war. Meine Eltern haben sich getrennt und mein Vater ging zurück zu seiner Mutter.

Meine Wurzeln, die habe ich jetzt für mich gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen in meine Heimat zurückgehen. Was ist nur, wenn meine Familie einmal meine Pflege braucht, dann weiß ich nicht, was ich tun werde? Mein Leben hier, werde ich nicht aufgeben. 30 Jahre führe ich mein eigenes Leben und ich habe etwas für mich hier geschaffen. Ich habe mir immer eine Wahlfamilie gewünscht und ich habe immer Menschen gefunden, die mich begleitet haben. Ich hatte immer sehr viel Glück. Wenn ich Sehnsucht nach etwas habe, dann kommt jemand vorbei und bringt mir es. Ich habe so tolle Kinder, sie sind so gut im Leben angekommen. Das habe ich gut hinbekommen, denn ich habe meinen eignen Weg mit ihnen gefunden. Meine Mutter kommentiert mich immer, wenn ich zu ihr komme und vielleicht ist es gut, dass ich weit weg bin, wer weiß, was sie mir alles zu meinen Kindern gesagt hätte.